Leseprobe aus „Zeitsteinwirrwarr“

Heyho!

Das hier ist ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch „Zeitsteinwirrwarr„, genauer gesagt aus Kapitel 3 namens „Das pubertäre Leben eines dreizehnjährigen Mädchens“. Enjoy!

Es war in meinem ersten Jahr an der SoC. Schon nach dem ersten Halbjahr hatte es sich für mich herauskristallisiert, dass der Beruf des Bibliothekars mich in Zukunft nicht erfüllen würde. Die Lehrer und Jeanne versuchten alles, mir den Lehrstoff schmackhaft zu machen, aber trotz meines beträchtlichen Ehrgeizes, das Beste aus der Sache zu machen, zeigten meine Noten eindeutig nicht in Richtung des Bibliothekars. Noe beschwerte sich zu dieser Zeit oftmals über das beschränkte Schulsystem der UC. Hatte man nicht Vertreter aller drei Farben in der Familie, konnte man vor dem Eintritt in die SoC keinen Einblick in die einzelnen Aufgabengebiete der drei Farben Rot, Blau und Gelb bekommen. Was letztendlich zu manchen Fehlentscheidungen wie der meinen führt. Trotzdem gibt es extrem wenige, die nach dem Eintritt in die SoC ihre Farbe wechseln, das sieht das System der UC nicht vor. Wie schon gesagt, hinderte mich meine Fehlentscheidung allerdings nicht daran, mich anzustrengen. Auch wenn jeder Unterrichtstag für mich eine Qual war und ich in keinem Fach glänzen konnte, minderte das nicht meinen Eifer, mir den Lehrstoff beizubringen. Ich war ein oft gesehener Gast in der Bibliothek der SoC. Ich lernte oft bis spät in den Abend, in den kalten Monaten des Jahres war die Burg schon lange in drückende Dunkelheit gehüllt und die an den Hausgiebeln hängenden Laternen konnten nicht jegliche Dunkelheit vertreiben.

Ich liebte diese Abende, auch wenn die Bücher, in die ich mich vertiefte, kaum zu entziffernde Sprachen oder Sätze enthielten, über denen ich minutenlang brüten musste, bevor ich sie entschlüsseln konnte. Aber der Zeitpunkt, an dem ich die Bibliothek verließ, mich in meinen dicken Mantel einhüllte und die menschenleeren Gassen entlangschlenderte, trieb mir immer alle Sorgen aus dem Kopf. Wie auch an jenem Abend kurz nach Beginn des Jahres. Die von den Winterferien zurückgekommenen Schüler hatten sich schon wieder eingelebt; Knapp eine Woche war vergangen, seit die Burg wieder mit Leben erfüllt worden war. Alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Ich schlenderte durch eine Gasse, die parallel zur östlichen Burgmauer verlief und atmete langsam ein und aus. Die Nebelschwaden, die aus meinem Mund drangen, umwehten meinen Kopf und in der Stille klang mein Atem seltsam laut. In Gedanken versuchte ich noch einmal die teanilische Konjugation zu revidieren, aber es wollte mir nicht mehr wirklich einfallen. Bruchstücke waberten in meinem Kopf herum und ergaben mehr oder weniger Sinn. Das Buch, welches schwer in meinen Händen lag, wollte ich später noch einmal aufschlagen. Vielleicht merkte ich es mir dann. Ein paar Mal hatte der Schein einer Laterne meinen Schatten in die Länge gezogen und wieder verkürzt und gerade ging ich an der Hauswand des burgeigenen Ladens vorbei, als ich Stimmen hörte.

»Das funktioniert. Ganz bestimmt«, sagte eine Jungenstimme. Ich blieb stehen und schaute auf die Uhr. Was machten Schüler, die nicht zum Hause Dumont gehörten, außerhalb der Nachtruhe in der Vorburg?

»Was, wenn uns jemand erwischt?«, fragte eine weitere Stimme. Sie klang nervös.

»Wir werden nicht erwischt, Aidan«, sagte eine dritte Jungenstimme. »Hier ist niemand außer uns.«

»Vielleicht sollte jemand Wache stehen«, entgegnete Aidan. »Die Viertklässler haben gesagt, die Lehrer lassen Dämonen patrouillieren.«

Ich rollte mit den Augen. Dieses Exemplar der menschlichen Rasse war erkenntnisresistenter als die anderen beiden. Ein Lachen bestätigte mir das.

»Mensch, Juri, die sagen das doch bloß, um uns Neulinge zu erschrecken. Und jetzt mach weiter.«

Immerhin jemand, der ein bisschen Grips besitzt. Neugierig schlich ich mich an der Wand entlang und lugte um die Hausecke. Vier Jungen standen bei der Telefonzelle, die für die Schüler den Kontakt zur Außenwelt darstellt. Lederne Taschen lagen auf dem Boden, die Schatten, die die Telefonzelle im Licht der Laternen warf, verdeckte ihren Inhalt. Alle vier machten sich an der Telefonzelle zu schaffen. Was sie taten, war nicht auszumachen.

»Ich wünschte, wir könnten dabei sein, wenn der erste die Tür aufmacht«, kicherte einer der Vier. »Was glaubst du, was für ein Gesicht der machen wird, wenn er vier Schmerzpfeile in die Brust bekommt?«

Ich runzelte die Stirn. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich zwar schon Gerüchte über Schmerz verursachende Gummipfeile gehört, sie aber nie geglaubt. Wenn man den älteren Bibliothekaren Glauben schenkte, rangen die Hälfte der Monsterjäger sowieso jeden Tag mit Riesen und Dämonen.

Roy erzählte mir später, dass Aidan, Juri und er die Schmerzpfeile in den vorangegangenen Winterferien erfunden hatten. Die in der Telefonzelle waren der Prototyp.

Das wusste ich aber erst viel später, meine Fantasie erfand eine ganz eigene Version von Schmerzpfeilen. Vor allem die Vorstellung, dass ein unschuldiger Schüler, der nur mit seinen Eltern telefonieren wollte, eine Ladung dieser mysteriösen Waffen abbekommen sollte, widerte mich an. Ich spürte Wut in mir hochkochen.

Tja, liebe Leser, aber was tut man in einer solchen Situation? Ich tat, was ein vorbildlicher Bibliothekar tun sollte: Ich zog mich zurück, um es den Lehrern zu petzen. Das ging allerdings gehörig schief, denn ich hatte mich wohl zu schnell umgedreht und der Kies unter meinen Füßen knirschte ohrenbetäubend. Mein Magen drehte sich einmal um sich selbst.

»Da ist jemand!«, kam Juris Stimme aus der Richtung der Jungen. Ich wartete nicht ab, bis er herausfinden würde, dass da tatsächlich jemand war, sondern rannte los, zurück in Richtung Bibliothek. Vielleicht hängte ich sie im Gewirr der Häuser in der Vorburg ab. Aber wie das nun mal so ist, haben wir Bibliothekare keinen Sportunterricht (von Yoga mal abgesehen). Die Chancen für vier durchtrainierte Monsterjägerschüler standen bei dieser Verfolgungsjagd deutlich besser.

Schnell hatten sie mich eingeholt. Eine Hand packte grob meine Schulter und riss mich herum, fast von den Füßen. Dann stieß sie mich von sich weg und mit dem Rücken an die nächstbeste Hauswand. Ich keuchte. Dieser kurze Sprint hatte mich gehörig aus der Puste gebracht. Die vier Jungen, die nun um mich herumstanden, atmeten vollkommen ruhig. Ängstlich umklammerte ich mein Grammatikbuch. Das konnte mir in meiner jetzigen Situation leider nicht helfen.

»Wen haben wir denn da?«, fragte Roy grinsend.

Natürlich kannte ich damals seinen Namen noch nicht, ich hatte ihn zwar schon ein paar Mal gesehen, aber niemand hatte in meiner Anwesenheit seinen Namen erwähnt. Zur Vereinfachung, liebe Leser, ist es hier allerdings geboten, seinen Namen vorwegzunehmen.

»Blau ist sie jedenfalls nicht«, brummte der Vierte im Bunde, den ich bisher nicht hatte reden hören. Er war größer als die anderen und sah ein bis zwei Jahre älter aus. Der Rest kam aus meinem Jahrgang.

»Was bist du?«, fragte er mich jetzt.

Mein Atem beruhigte sich langsam, aber mein Herz pochte dafür umso schneller.

»Ein Mensch«, sagte ich leise. Roy lachte auf, aber dem Großen schien das gar nicht zu gefallen. Sein Kiefer mahlte.

»Ziemlich große Klappe, die Göre.«

Juri trippelte von einem Bein auf das andere.

»Was machen wir jetzt? Sie hat uns gesehen«, sagte er nervös.

»Sie wird schon nichts verraten«, entgegnete Roy gelassen und fixierte mich. »Nicht war, Kleine?«

So langsam wurde ich wütend. Was fiel diesen Idioten ein, mich wie ein Kindergartenkind zu behandeln? In seiner Wut kann man viele Fehler machen. So auch diesmal.

»Da habt ihr euch geschnitten«, fauchte ich. »Direktor Dumont ist bestimmt interessiert an euren nächtlichen Aktionen.«

»Pass auf, was du sagst«, knurrte der Große und machte einen Schritt auf mich zu. »Wir können dir das Leben zur Hölle machen.«

»Dem kann ich nur zustimmen«, sagte Roy grinsend. Aidan schnitt eine Grimasse.

»Wenn du uns nicht verpfeifst, lassen wir dich in Ruhe. Versprochen«, sagte er, aber in seinen Augen lag Spott. Meine Wut über ihr Verhalten verrauchte und wich einer kalten, berechnenden Ignoranz.

»Einen Schritt weiter und ich breche dir die Nase, du Schwachkopf«, sagte ich ruhig zu dem Großen, der einen Fuß vor den anderen setzte und mir gefährlich nahe kam. Er lachte auf.

»Und wie willst du das anstellen, Kleine?«, fragte er böse grinsend und trat einen weiteren Schritt nach vorne. Einen zu viel. Mit aller Kraft holte ich aus und trat ihm in sein Knie. Verblüfft und mit schmerzverzerrtem Gesicht knickte der Große ein. Ich holte ein weiteres Mal aus und Ragseels Kompendium der teanilischen Grammatik, ein über tausendseitiges Werk nebenbei, krachte in sein Gesicht. Es gab ein grässliches Knacken, der Große heulte auf und ich ließ mein Buch los, nun beschmiert mit einer Mischung aus Rotz und Blut. Seine Hände schossen nach oben und bedeckten die Trümmer, die einmal seine Nase gewesen waren. Ich fing Roys Blick in seinen blauen Augen auf. Er starrte mich mit einer Mischung aus Verblüffung, Schock und Wut an. Dann wandte er sich an seinen stöhnenden Freund. Bevor ich den Anblick nicht mehr ertrug – mein Magen rebellierte von all dem Blut – nahm ich die Beine in die Hand und rannte los. Erst nachdem ich die schwere Tür zum Palas hinter mir geschlossen hatte, bemerkte ich, dass sie mir gar nicht gefolgt waren.

Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, dass Roy und seine Freunde durch das Buch meinen Namen erfuhren. Ich hatte es nach der Vermöbelung von Pavel, dem Großen, fallen gelassen. Ab diesem Zeitpunkt fingen dann auch die Schikanen an. Vor allem Aidan und Roy, die sich anfangs für die gebrochene Nase ihres Kumpels rächen wollten, hatten es auf mich abgesehen. Schnell merkten sie, dass ich ein tolles Ziel abgab, und machten nach Befriedigung ihrer Rache einfach weiter. So begann für mich die Zeit der Panoculi, Duplikatsprays (meine Bücher, Blöcke und Stifte wurden regelmäßig damit eingesprüht, verdoppelten sich und lösten sich in Luft auf, sobald ich sie berührte), und der nicht entfernbaren magischen Farben.

Aber selbst nach alldem hatte ich nicht einmal die Möglichkeit in Erwägung gezogen, den Beruf des Bibliothekars aufzugeben und mich einem anderen zuzuwenden. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt damit abgefunden, dass ich mein ganzes Leben nichts anderes sein würde als die Unterseite der Fußmatte eines Einrichtungshauses. An dieser Einstellung, so glaubte ich, konnte nur ich selbst etwas ändern. Ich behielt Recht.

Wie hat es euch gefallen? Schreibt mit ein Kommentar oder eine Email! Wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht, könnt ihr euch ab Mitte Juni 2015 das eBook kaufen! Näheres zur Veröffentlichung werde ich noch zeitnah bekanntgeben!

Liebe Grüße und Hakuna Matata

Isabella

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9 Gedanken zu „Leseprobe aus „Zeitsteinwirrwarr“

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