Anders oder gleich? {Amy erzählt #1}

Hallo und herzlich Willkommen zum ersten Beitrag von Amy Stanleys selbst! Normalerweise würde ich hier keine Vorworte schreiben. da es allerdings der erste Beitrag ist, wollte ich euch vorwarnen. Das Folgende stammt aus Amys Feder, nicht meiner:

Kind zu sein, ist schön, oder nicht? Kinder sind so unbedarft, naiv und vertrauensselig. Und sie machen sich über viele Dinge kaum Gedanken.

Ja, liebe Leser, auch ich war ein normales Kind. Und bis zu jenem denkwürdigen Tag war mir nicht aufgefallen, dass dieses normale Kind in keiner normalen Familie aufwuchs. Und schon gar nicht in seiner leiblichen.

Jeanne ist nur ein paar Monate älter als ich. Genau kann man das eigentlich nicht sagen, da ich meinen tatsächlichen Geburtstag nicht kenne. Wir wuchsen gemeinsam auf, doch nie fiel mir auf, dass sie eigentlich anders war als ich.

Wir spielten gerade im Burghof Fangen. Elaine, Jeannes Mutter, saß im Schatten des großen Palas auf einem Klappstuhl. Ich vermute stark, sie beobachtete mit ihren Elbenaugen sowohl uns als auch die Handwerker, die sich gerade am Dach der Kemenate zu schaffen machten. Dieses sollte abgerissen werden und die Kemenate in einen Garten umfunktioniert. So richtig vorstellen konnte ich mir das als Kind nicht und es war mir offen gesagt auch egal.

Noe steckte den Kopf aus dem Fenster seines Direktorenbüros und rief seiner Frau etwas zu. Was genau das war, weiß ich nicht, ich war viel zu beschäftigt damit, der viel schnelleren und ausdauernderen Jeanne hinterherzurennen. Auch Jeanne trägt Elbenblut in sich, kein Wunder, warum sie schneller war. Dann war Elaine verschwunden und wir waren allein auf dem Hof. Meine kleinen Beinchen gaben es bald auf, Jeanne zu verfolgen.

„Das ist unfair. Du bist sowieso größer als ich“, sagte ich.

„Na und?“, rief Jeanne im Rennen, „Du strengst dich eh nicht an.“

Natürlich rannte ich sofort wieder hinter ihr her. Ich glaube, sie wurde absichtlich ein wenig langsamer, damit ich sie fangen konnte, denn bald war ich an der Reihe mit Weglaufen. Lachend und kreischend liefen wir so im Kreis und dann machte ich den Fehler, zu nah an den Bergfried, der bereits damals die Zimmer der Schüler beherbergte, zu laufen.

„Hab dich“, rief Jeanne und tatschte an meine Schulter.

„Hey du!“, sagte eine Stimme hinter uns. Wir drehten uns um. Eine Gruppe Jungs lehnte nahe der hölzernen Tür. Der Sprecher war ein großer, breitschultriger Junge mit braunen Locken und vielen Sommersprossen. Und er war riesig.

Aber das lag vermutlich daran, dass ich winzig und fünf Jahre alt war.

„Das sind doch die Kinder von Magistra Dumont“, sagte einer der anderen, ein riesiger Junge mit schwarzen Haaren. Sommersprosse grinste. Ich blickte zu den Jungs auf, die uns seltsam angrinsten. Selbst damals ahnte ich, dass dieses Grinsen nicht gut war. Ich zupfte Jeanne am Ärmel.

„Wollen wir weiterspielen?“

Jeanne machte ein paar Schritte rückwärts. Dann drehten wir uns um, doch bevor wir weglaufen konnten, umstellten sie uns.

„Nicht so schnell, Kleine“, sagte Sommersprosse, „Wie kommt es eigentlich, dass ihr zwei verwandt seid? Ein Mischling und ein Bastard?“

Ich konnte mit beiden Worten nicht wirklich etwas anfangen. Aber an dem gemeinen Grinsen und Jeannes geballten Fäustchen erkannte ich, dass es keine nette Frage war.

„Ich bin kein Mischling! Und Amy ist kein Bastard!“, rief Jeanne. Sie reichte den Jungs etwa bis zu Brust, ich nur bis zum Bauchnabel.

„Genau“, sagte ich böse. Wenn Jeanne böse war, war ich es eben auch.

„Klar seid ihr das“, sagte Schwarzhaarig, „Ihr seid abartig.“

Wieder so ein seltsames Wort. Und dann tat Jeanne etwas, das ich nicht von ihr erwartet hatte. Sie schubste den Jungen. Sonderlich viel Wirkung zeigte ihre Tat nicht, er taumelte nur. Das Verblüffende daran war, dass Jeanne niemals die Kontrolle verlor. Selbst damals war sie immer ruhig und überlegte dreimal, bevor sie Antwort gab. Wie zuvor war meine eigene Reaktion klar: Wenn Jeanne ihn schubste, machte ich das eben auch. Da der Junge allerdings nach hinten taumelte, entschied ich mich im Wege der Praktikabilität dazu, Schwarzhaarig zu treten. Er jaulte auf und hüpfte auf einem Bein. Die anderen Jungs sprangen auf uns zu, Jeanne krallte sich meine Hand und wir schlüpften durch die Lücke, die der taumelnde Schwarzhaarig geschaffen hatte. Wütendes Rufen und Brüllen hallte uns hinterher, aber wir waren bereits außer Reichweite. Der Palas ragte schützend über uns auf. Wir stießen die große Holztür auf und rannten in unser Zimmer. Damals teilten Jeanne und ich noch ein Zimmer, jenes, das später Jeannes werden sollte. Als wir in unserer sicheren Umgebung waren, ließ Jeanne meine Hand los. Sie setzte sich auf ihr Bett und ich beschäftigte mich mit ein paar Spielsachen. Nach einer Weile blickte ich auf.

„Warum weinst du, Jeanne?“, fragte ich erstaunt. Sie saß noch immer an derselben Stelle und wischte sich ein paar Tränen weg. „Bist du traurig?“

Jeanne schüttelte den Kopf.

„Nein. Ist okay“, sagte sie. Ich stand auf und setzte sich neben mir.

„Die waren böse zu dir, oder?“, fragte ich langsam. Jeanne nickte. „Nicht weinen. Das waren Doofies.“

„Die waren nicht einfach Doofies. Die waren rassistisch.“, sagte Jeanne. So langsam kam ich mir dumm vor, dass ich all diese Worte nicht kannte.

„Was … was ist rassistisch?“, fragte ich.

„Das bedeutet, dass sie gemein zu Leuten sind, die anders sind als sie.“

Ich habe nie darüber nachgedacht, liebe Leser, dass Jeanne schon in jungen Jahren weit mehr wusste, als vielleicht gut für sie war. All diese Worte sollte ein normales fünfjähriges Kind nicht kennen, und schon gar nicht im Zusammenhang. Aber Elbenkinder werden viel früher erwachsen und wissen weit mehr als Menschenkinder im selben Alter. Während ich noch Bilderbücher las und fünfteilige Puzzle löste, lernte Jeanne Lexika auswendig.

Anders?

„Du bist nicht anders“, sagte ich erstaunt.

„Doch. Und du auch. Du bist adoptiert. Hast du dich nie gefragt, warum du nicht aussiehst wie ich?“

„Wie du?“

Jeanne hob ihren Arm und betastete ihre spitzen Ohren, die aus ihren braunen Haaren herausragten. Ich starrte sie an. Meine Ohren waren nicht spitz. Ich schüttelte den Kopf.

„Du bist nicht anders“, wiederholte ich, „Und ich auch nicht.“

„Doch“, sagte Jeanne wieder, „Ich bin eine Halbelbin. Ich bin kein Mensch. Damit bin ich anders.“

Wieder schüttelte ich den Kopf. Jeanne stand genervt auf.

„Du willst es nicht verstehen, oder?“

Sie ging auf die Tür zu.

„Wir haben zwei Augen.“

Sie drehte sich wieder zu mir herum. Erstaunt erwiderte sie meinen sturen Blick.

„Wir haben zwei Arme. Zwei Beine. Wir haben eine Nase, zehn Finger, zehn Zehen und einen Mund. Warum sind spitze oder runde Ohren wichtiger als das, was gleich ist?“

Ich glaube, Jeanne war sprachlos. So etwas hatte sie wahrscheinlich nicht erwartet. Ich starrte sie unverwandt an. Dann begann sie zu lächeln.

Trotzdem war dieses Thema nicht vom Tisch. Denn Jeanne hatte etwas angesprochen, mein Augenmerk auf etwas gelenkt, das ich vorher nicht bedacht hatte. Ich sah wirklich nicht so aus wie Jeanne, Elaine oder Noe. Jeanne sagte, ich sei adoptiert worden. Was bedeutete das? Das bedeutete, dass ich noch ganz viele Gespräche mit meinen Eltern würde führen müssen.

Aber über diese werde ich ein andermal berichten.

Eure

Amy Stanleys

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