Lilienzeit Leseprobe


Belladonna

Es regnete in Strömen. Dicke Tropfen fielen auf den Boden, die Blätter und den See. Zum ersten Mal seit über einhundert Jahren spürte sie sie. Die Tropfen. Sie klatschten mit einem leisen Plopp auf ihre Haut, tränkten ihre Haare und durchweichten ihre Kleidung. Sie lächelte.

„Herrin?“
Langsam drehte sie sich um. Eine in einen schwarzen Mantel gehüllte Gestalt stand hinter ihr, zitternd und durchnässt.
„Herrin, soll ich Euch einen Mantel bringen?“
„Sei nicht albern“, sagte sie und sah genüsslich zu, wie der zierliche Körper der Gestalt vor Kälte schlotterte. Sie selbst verspürte nichts, nur die Tropfen auf ihrem Gesicht. Sie berührten ihre fast durchscheinende Haut nur flüchtig, ehe sie abprallten und gen Boden fielen. Langsam wandte sie ihren Blick erneut dem See zu.
Und dann auf das, was darunter lag.
Eine schimmernde Stadt, glitzernd und verschwommen durch die aufgewühlten Wellen. Doch sie wusste genau, wie die Stadt eigentlich aussah. Wer darin lebte. Und warum sie alle vernichten wollte. Ein einzelner Turm ragte aus dem Wasser, hunderte Meter hoch und glitzernd. Er war erbaut aus Millionen von Spiegeln, die im Licht der dörfischen Straßenlaternen schimmerten, welche selbst durch den Regen und die Entfernung noch an den See heranreichten. Einem anderen musste dieser Anblick wohl träumerisch, romantisch oder bezaubernd vorkommen. Sie jedoch verspürte nur Hass.
“Herrin?“
Ein Fünkchen Zorn trieb ihre Brust hinauf, doch sie unterdrückte ihn. Ihre Dienerin war die Letzte, die sie vernichten würde. Bis dahin blieb sie verschont. Vorerst.
“Was werdet Ihr nun tun?“
Diesmal wandte sie sich nicht um. Ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen, das jedem Wesen das Fürchten lehren konnte. Selbst ihre Dienerin schauderte, obwohl sie es gar nicht sehen konnte.
“Ich werde warten. Und du wirst suchen.“
“N … nach was suchen?“
Der Regen wurde stärker, ein Vorhang aus Wasser, der sich über die Welt legte und die Stadt im See verbarg. Belladonna atmete tief durch, sog Wasser und Luft gleichermaßen ein. Ihre durchnässten schwarzen Haare klebten an ihrem Gesicht. Vielleicht sollte sie ihre neu gewonnene Freiheit nicht gleich auskosten. Womöglich wäre der ganze Spaß schon vorüber, ehe er begonnen hatte. Sie kehrte der verhassten Stadt der Feen den Rücken. Ihre Dienerin war die Einzige, die ihren vorerst letzten Befehl hören konnte, bevor sie in der Dunkelheit verschwand.
“Du suchst nach der Wächterfee.“

Calla

„Calla Lilia Zante“, sprach Calla leise. Obwohl ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern war, konnte sie jeder hören. Es kam nicht oft vor, dass sich Geschöpfe wie sie in die Welt der Menschen verirrten. Calla war eine Fee. Auch wenn niemand so recht wusste, , was Feen taten, , wo sie lebten oder warum sie existierten, , erkannten sie eine Fee sofort. Sie sahen einfach nicht aus wie Menschen, waren weniger plump und ungeschickt, bewegten sich leiser und sprachen bedachter. Ihre Haare und Augen konnten die Farben des Regenbogens annehmen, während die meisten Menschen in dieser Gegend ein helles Gelb geerbt hatten.

Langsam schob Calla ihre Hand in die Hosentasche. Sie war sich bewusst, dass jeder im Raum sie anstarrte. Irgendwie konnte sie das verstehen. Ein großes, schlankes Mädchen mit hohen Wangenknochen und schneeweißem, geflochtenem Haar sah man nicht alle Tage in dem kleinen Provinzdörfchen. Vor allem nicht im Rathaus. Noch dazu trug sie eine tiefschwarze Sonnenbrille. Innerlich zog sich alles zusammen, wenn sie überlegte, was die Leute gerade über sie dachten. Was macht denn eine Fee hier? Warum hat sie weißes Haar? Hoffentlich schaut sie nicht zu mir herüber … Calla unterdrückte einen Seufzer. Es gab keine andere Möglichkeit. Obwohl Feen üblicherweise unter sich blieben, gab es einige Dinge, die sie nicht in der wohlbehüteten Sicherheit ihres Feenstocks erledigen konnten. Zum Beispiel einen Personalausweis anfertigen lassen. Selbst Feen mussten sich das Gesetz halten, die Identität durch einen Ausweis bestätigen zu können. Das war so, seit die Menschen erkannt hatten, dass Gesetze und Regeln essentiell für ein friedliches Zusammenleben war. Leider traf sie diese Erkenntnis erst, als es für viele Feen und Menschen zu spät war. Die Tragödie, die sich einige  Jahrzehnte vor Callas Geburt ereignet hatte, wurde in ihrer  Welt nur selten angesprochen. Zu schlimm war der Verrat für sie alle gewesen. Calla selbst kannte nur die Geschichten, die ihre Tante manchmal erzählte. Doch darin lag lange nicht die ganze Wahrheit, , da war sie sich sicher.

Die Frau hinter dem Schreibtisch warf ihr ständig nervöse Blicke zu. Calla versuchte, sie zu ignorieren und starrte weiter geradeaus. Hoffentlich dauerte das nicht mehr so lange.

Ihre Gedanken schweiften ab, zurück in ihre Welt. In ihren Feenstock, Rosacea, , der Wiege der Feen. Glitzernde Hallen, Feen überall, die Königin … Hier kam ihr das alles so weit entfernt vor. Um zwei Ereignisse kreisten ihre Gedanken schon seit Tagen: die Bestimmung und die Lese. Ihr schauderte bei der Vorstellung, dass sie nun auch erwählt werden konnte … Beide Ereignisse waren äußerst selten in der Feenwelt und fielen noch seltener auf einen Tag. Doch heute war es so weit. Heute würde sie ihre Bestimmung erfahren und zum ersten Mal der Zeremonie zur Auswahl der Wäch…

„Hier, bitte. Ihr Ausweis“, sagte die Frau und riss Calla aus ihren Gedanken. Sie drückte ihr eine kleine Karte in die Hand. Ein kurzer Blick darauf zeigte Calla ihr eigenes Gesicht. Sie konnte ihre silberweißen Augen erkennen. Selbst auf dem Foto war ihr Blick so durchdringend, Selbst auf dem Foto war ihr Blick so durchdringend, dass sie seine Macht deutlich spüren konnte.

„Danke“, sagte Calla und zwang sich zu einem leichten Lächeln. Die Frau grinste und nickte ihr zu, während sie bereits aufstand und zur Tür ging. In von Menschenhand erschaffenen Räumen kam sich Calla immer so groß und klobig vor. Sie war weite, ausladende Hallen gewohnt, keine tristen, rechteckigen Pappschachteln. Sie ignorierte den starrenden Blick eines alten grauhaarigen Mannes, der sie unverhohlen angaffte, und trat ins Freie.

Warme Sommerluft schlug ihr entgegen, angenehm und frisch. Sie konnte nicht verstehen, wie sich Menschen freiwillig den ganzen Tag im Innern ihrer Steinhäuser aufhielten, noch dazu mit so merkwürdigen Apparaturen wie sogenannten Klimaanlagen.  Ein seltsamer Name, , wo sie doch keinen Schnee erzeugten oder es regnen ließen. Nein, Calla war froh, wenn sie morgens aus ihrer Wabe klettern und in den Tag starten konnte. Seufzend blickte sie sich um. Ein paar Kinder standen auf dem Rathausplatz und starrten zu ihr herüber. Kein guter Ort  zum Fliegen. Sie umrundete das Rathaus und schlug sich in die Büsche des nahen Waldes. Dann, nachdem sie sicher sein konnte, dass sie niemand beobachtete, verwandelte sie sich. Ihre Sicht verzerrte sich, sie schrumpfte, aus ihrem Körper sprossen weiße Federn und in ihrem Gesicht wuchs ein heller roter Schnabel. Dann hob der kleine weiße Spatz ab in die Lüfte und ließ mit vielen schnellen Flügelschlägen die Menschenwelt hinter sich.


Lion

„Erster Tag, was?“, brummte der Mann, der ihm als Rock vorgestellt worden war. Lion nickte zögernd. Rock zog die Augenbrauen hoch.
„Ein Schüchterner? Gut.“
Lion wusste, er war zuhause. Seitdem er denken konnte, galt Schüchternheit als Schwäche, ein Fehler in der Erziehung oder in der Persönlichkeit eines Menschen. Schon im Kindergarten hatte man ihn gehänselt, weil er sich nie getraut hatte, jemanden anzusprechen. In der Grundschule hatte man seine Zurückhaltung mit einer Lernschwäche verwechselt und ihn auf die Hauptschule geschickt. Obwohl Lion eigentlich gern lernte. Wäre da nicht die enorme Prüfungsangst. Meistens hatte er nur die Antworten aufgeschrieben, von denen er sich sicher sein konnte, dass sie richtig waren. Etwas riskieren? Niemals! Die Hauptschule hatte er mit Ach und Krach geschafft. Danach war er zur Warder GmbH gegangen. Die nahmen ausnahmslos Menschen mit „sozialen Eingliederungsschwierigkeiten“, wie seine Großmutter immer zu sagen pflegte. Und bei Warder achtete man nicht auf Noten oder Tests, sondern auf Ausdauer, Willen und Loyalität. Vor allem letzteres hatte Lion über alle Maßen, was ihm leider allzu oft schon zum Verhängnis geworden war.

„Hallo, ich rede mit dir!“ Lion schreckte auf.

„Tut mir leid“, murmelte er. „War in Gedanken.“

„Das kannst du während der Arbeit machen, Junge. Aber nicht, wenn ich dir gerade erklären will, wie du arbeitest.“

Lion nickte erneut und versuchte sich auf ihn zu konzentrieren. Rock ging zu einem Spind und öffnete ihn. Darin hing an einem Haken seine neue Arbeitskleidung, schwarze Cargohosen und eine Schutzpanzerjacke, die aussah wie eine kleine Rüstung. Allein deswegen fand Lion seinen Job total cool. Noch cooler war allerdings das Langschwert, das an der Wand des Spindes lehnte. Das blanke Silber seiner Schneide blitzte auf, als das Tageslicht darauf fiel. Der Griff war mit frischem schwarzen Leder umwickelt.

„Dastaunst du,wasKleiner?“, sagte Rock grinsend. „Los, zieh dich um, deine Schicht beginnt gleich.“

Während Lion in die schwarze Cargohose stieg, bemühte er sich, Rocks Ausführungen über den Feenstock zu lauschen.
“Der ganze Turm ist aus verspiegeltem Glas gebaut. Keine Ahnung, warum Feen darauf stehen. Vielleicht sehen sie sich gern selbst. Naja, jedenfalls gibt es mehrere Wege, nach Rosacea zu gelangen. Der einzige für uns ist der über die Wasserbrücke, ein Tunnel, der bis ans Ufer des Feensees reicht. Die Feen können natürlich fliegen und von überall durch die kleinen Löcher im Turm hineingelangen. Mann, wäre das etwas. Ich wette, ich würde mich in einen Adler verwandeln. So wie du gerade guckst, bist du dann wohl eher ein Kolibri …“
All das hörte Lion nur am Rande. Seine Gedanken waren längst wieder abgedriftet.
„Und vergiss nicht, schau niemals auf“, drang es aus weiter Ferne zu ihm. Doch sein Kopf war viel zu sehr damit beschäftigt, über Feen und Blumen zu träumen.

So, das war’s. Ihr könnt mir gern einen Kommentar hinterlassen, wie ihr die Leseprobe fandet.

Liebe Grüße und Hakuna Matata
Isabella
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